Ahaus

Waren Sie schon mal in Ahaus? Ja ganz recht, Ahaus. Nein, nicht im Parkhaus - in Ahaus?

Gut, gut, Sie haben mit der Pro-, aber auch mit der Anti-Atomkraftbewegung nichts zu tun, und deshalb haben Sie auch nicht gleich gesagt: Zwischenlager oder so, stimmts? Selbst dann hätten Sie wahrscheinlich nicht gewußt, wo's liegt. Weit weg, das zumindest ist immer wahr, egal, wo Sie gerade sind. An einer vergessenen Autobahn, die nie im Verkehrsfunk erwähnt wird, so als gäbe es sie garnicht: die A31. Die können Sie erwischen, wenn Sie auf der A3 (ojeh, viel Verkehrsfunk) immer geradeaus fahren bis diese sich wundersamerweise zur A2 verjüngt und dann noch ein paar Meter und da geht die 31 ab - und führt ins nirgendwo. Und kurz vor nirgendwo ist die Abfahrt Ahaus.

Genau dieses Ahaus, dorten die Politiker dachten, sie könnten klammheimlich, still und leise eine Atommülldeponie hinhauen und keiner merkt's. Zugegeben, sie hatten durchaus berechtigten Anlaß, so zu denken, aber davon später. Ich hatte beruflich zu tun in Ahaus, jawohl beruflich. Kommt vor, nicht oft, aber dafür selten. Durch die niedersächsisch/ nordrheinwestfälisch/ostfriesische Pampa kämpfte ich mich im Zwielicht durch bis Ahaus. Ahaus ist nicht groß, aber sie haben Platz dort und deshalb ist es doch groß. Jedenfalls dann, wenn man einmal drumrum fahren muß, um die Bahnhofstraße zu finden. Das ist übrigens nett gemacht von den Schildermalern, die den Ortsfremden auf gar keinen Fall verwirren wollen: Der erste und einzige Hinweis auf den Bahnhof ist das Verkehrsschild direkt vor demselben: Bahnhof.

Aber es gibt auch eine Innenstadt, Fußgängerzone natürlich, das ist ja jetzt überall so. Und in Ahaus recht geschickt von Parkdecks umgeben, die dem geplagten Autofahrer sogar einen mehrstündigen Aufenthalt ganz und gar kostenlos erlauben. Und jetzt, wie angewiesen an der Volksbank und dem Elektromarkt vorbei durch die Passage zum Marktplatz, wo man beim Italiener ganz gut essen können soll. Eigentlich ist das hier, wie anderwo auch in den alten Bundesländern (except Bavaria): die schnuckeligen kleineren oder auch größeren und durch Raumteiler geschickt wieder verkleinerten Geschäfte glänzen im Halogenlicht, viel Weiß und Messing und alles so gepflegt, daß ich schon Lachsbrötchen lese, wo doch Lauchtorte steht - 3.80 DM könnte wohl auch ein Lachsbrötchen sein, oder? Ein paar alte Fassaden und ein paar historisierende dazwischen, ein paar gelbliche Natriumstrahler für's Alte zwischen den bläulich-neonigen für's Pflaster, wie gesagt, neudeutsch-alte Städtchen und Städte sind heute so und Sie wüßten nicht, wo Sie sind, wenn da nicht in der Mitte des Marktplatzes dieses Atommüllzwischenlager wäre.

Zuerst dachte ich ja, es wäre ein Parkhaus. Ein besonders scheußliches, mitten auf den Marktplatz geknallt, naja. Aber die Zufahrten, wo waren die Zufahrten, was nützt ein Parkhaus ohne Zufahrt. Und dann diese merkwürdigen Kühlrippen, so sehen Parkhäuser eigentlich nicht aus. Wie ein rechteckiger Kühlturm, der oben wieder ein bißchen breiter wird. Wir sind dann einmal drumrum gegangen. Auf der anderen Seite eine Reihe von Lampen zwischen den Kühlrippen. Wahrscheinlich eine Anzeige, welche Parkdecks, nein Lagerregale voll sind. Na und da, noch eine Seite weiter, da haben sie doch dieses Monstrum direkt an einen alten Kirchturm drangeklatscht, an einen alten was? Du liebe Güte, da ist ja ein Eingang, zwei große Kupfertüren, und da brennen Kerzen und alte Frauen gehen rein und raus und... Nein, wir sind nicht reingegangen.

Der Italiener auf der Galerie ist übrigens wirklich sehr zu empfehlen, und wenn Sie einen Tisch ganz hinten an der Wand nehmen und die Preise auf der Speisekarte sehen, dann wissen Sie schon wieder nicht mehr, wo Sie jetzt eigentlich sind - in irgendeinem neudeutsch-alten Städtchen halt - von dem die Politiker dachten, sie könnten hier klammheimlich, still und leise... siehe oben. Kein Wunder, wo doch schon der liebe Gott einen Stellplatz hat in dem Parkhaus mit den Kühlrippen.

(ca. 1989)

... und der GEO-Artikel zum Thema

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