Ade, Börsenverein? Eine aktuelle Analyse.


Der Börsenverein hat Schulden - und glänzt mit Konzeptlosigkeit. Seit Jahren schon im steilen Sinkflug, stellt sich die drängende Frage, ob er noch vor dem Fall der Preisbindung zerschellen wird. Auf der Buchmesse 2000 ergab sich die Gelegenheit zu Hintergrund-Gesprächen:

"Zerlegt den Börsenverein in überlebensfähige Teile - und zwar bevor er zerfällt", so könnte man in einem Satz zusammenfassen, was viele Leute in der Branche umtreibt. Ohnehin wird allgemein vermutet, daß mit einem Fall der Preisbindung auch der gemeinsame Verein von Produzenten und Einzelhändlern über kurz oder lang obsolet werden könnte. Aber warum geht es dem Börsenverein schon jetzt so schlecht?

Mit wem man auch spricht, es scheint, als gäbe es einen geheimnisvollen Strippenzieher, der dafür sorgt, dass jede Entscheidung am Frankfurter Hirschgraben schief geht - und das nicht erst seit Monaten, sondern seit Jahren. Es ist schwer, dahinter kein Programm zu vermuten - ein Programm, das nur auf den Niedergang des Börsenvereins abzielt, und sonst nichts. Und wenn es denn diesen Strippenzieher gäbe, man müsste ihm attestieren, dass er erfolgreiche Arbeit geleistet hat, so erfolgreich, dass man diese Fantasterei schon deshalb wieder ausschließen muss.

Bleibt als Erklärung übrig: Viel Unfähigkeit auf allen Ebenen, Vetternwirtschaft, Gremiengelaber, häufig von völliger Unkenntnis der Realität in Politik und Märkten dominiert, und - das Peter-Prinzip in Abwandlung: Ich berufe auf einen Posten eine Person, die mir garantiert nicht über den Kopf wächst, am besten also weniger clever ist als ich. Oder die ich anderswo los sein will. Oder, oder... Den Ausfluss solcher Politik über Jahrzehnte hinweg betrieben, sehen Sie jetzt.

Das hat aber nicht verhindern können, dass es immer noch viele gute Köpfe in den Tochterbetrieben gibt. Und um die zu retten, ist es nötig, den waidwunden Löwen zu schlachten, ehe er seine erfolgreichen Spin-Offs mit in den Strudel reisst, das und nichts weniger muss man fordern. Weg mit dem Alten, her mit den eigenständigen Töchtern! Es blickt doch längst keiner mehr durch, wer bei wem wie beteiligt ist, wer eigenständig, aber eine Tochter des BÖV ist, und wer in welchem Ausschuss was zu sagen hat.


Was tut der Börsenverein eigentlich, wie nimmt der Buchhändler, der Zwischenbuchhändler, der Verleger "seinen" Verein denn wahr?

Nun ja, von Kleinkram mal abgesehen, sieht man: den gemeinsamen Titelkatalog (VLB), der von der Buchhändlervereinigung herausgegeben wird, das Börsenblatt, die beiden Messen in Frankfurt und Leipzig, den Bestellverbund IBU und last not least, die BAG. Wer einen Verlag aufmacht, ein Buch verlegen will, der braucht eine ISBN dafür, damit der Titel im VLB gelistet werden kann. Mitglied des Vereins muss er deshalb nicht sein, er muss den Eintrag nur bezahlen. Dito die Messe. Dito die Anzeigen im Börsenblatt. Ach ja, Mitglied in der BAG kann er nur werden als Vereinsmitglied - obwohl die BAG völlig selbstständig operiert. Was also tut der Verein für seine Verleger? Gute Frage, nächste Frage:

Warum zahlt der Zwischenbuchhändler (und die zahlen wirklich nicht schlecht)? Wegen des öffentlichen Aufruhrs, der mit einem Austritt verbunden wäre. Und damit sein Sigel auf der Scheibe des Vereins erscheint. Na gut. Leider kümmert(e) sich der Verein um seinen Goldesel, eben jene Scheibe, nicht in jenem Maße, wie er das sollte, solange er fett davon gelebt hat (über den Umweg der Landesverbände natürlich). Das ist jetzt nicht pauschal gesagt, hier ein typisches Beispiel: Auch ich habe mal geschrieben. Ein schmales Bändchen, rasend interessant. Unsere Institution hat es damals richtig mit ISBN-Nummer versehen und dreieinhalb Exemplare davon verkauft. 10 Jahre später hat es ein befreundeter Buchhändler im VLB entdeckt, mich angerufen und es für mich, rein spaßeshalber, bestellt. War natürlich vergriffen, seit Jahren, hat aber mit etlichen ebenso nicht existenten Regal-Kameraden fröhlich zu den angeblich 770.000 "lieferbaren" Titeln beigetragen.

Sie glauben, das sei ein Einzelfall? Jeder Buchhändler kennt diese Karteileichen. Aber der Börsenverein hat bisher keinerlei Interesse daran gezeigt, die Verleger zu regelmäßiger Pflege in die Lage zu versetzen und auch anzuhalten: Die Blindtitel bringen ja Geld und außerdem sieht 770.000 besser aus als die 450- oder 500.000, die nun wirklich lieferbar sind, wenn man den wohlinformierten Auguren der Branche glauben darf. Ist aber ein vorzügliches Ärgernis für den Zwischenbuchhandel, der solche Titel manchmal auch besorgen soll, dem sie im Internetangebot fehlen, der mit den deutlich weniger Titeln seiner Scheiben viel weniger gut aussieht als es der Realität entspricht, und auch, weil solche Titel die (ehemals ja gemeinsame) Platte und jede andere Datenbank verstopfen.

Ist aber auch ein vorzügliches Ärgernis für den Sortimentsbuchhandel, weil das mit den Kunden tollen Ärger bringt - vor allem, seitdem man in Frankfurt auf die schlaue Idee kam, den ganzen Kram selbst ins Netz zu stellen. Für ein Wahnsinnsgeld, weshalb man jetzt praktisch pleite ist - statt ein Wahnsinnsgeld mit den Daten erlöst zu haben (das wäre möglich gewesen) und das Internet-Business denen zu überlassen, die was davon verstehen. Sie wussten nicht, daß der Verein Schulden hat? Jetzt wissen Sie's.

Und Sie wissen nicht, warum es einen Wechsel an der Spitze der Buchhändlervereinigung gibt? Stimmt, der Verein hat Ihnen, den Beitragszahlern (via VLB und Landesverband) dieses ja verschwiegen: Damit das Web-VLB auch bunte Bildchen zeigen kann, was ja nun wirklich Sache der Copyrightinhaber, also der Verlage gewesen wäre, hat man einen Megavertrag für viele Jahre abgeschlossen: jedes Cover sollte für ca. 20 DM gescannt werden. Nehmen Sie einen Taschenrechner und multiplizieren Sie nur die 60.000 Neuerscheinungen pro Jahr, dann können Sie sich vorstellen, dass die Firma mit dem Scanner glückstrahlend unterschrieben hat.

Oh ja, man hat dann auch beschlossen, das VLB, das Ende 1998 nun endlich, nach vielen schmerzhaften Jahren fast fehlerfrei und ziemlich stabil lief, des Dollarkurses wegen in Europa produzieren zu lassen, anstatt mit den Amerikanern zu verhandeln auf der Basis: Fester EURO-Preis oder gar nicht. Und eine Windowsversion sollte es dann auch gleich noch geben - obwohl es dafür bereits das weit überlegene VLB Plus gab, das man nur hätte auf die (alte) Platte packen müssen. Das 2-jährige Desaster, nur um den alten DOS-Standard wieder zu erreichen, muss ich nicht schildern. Auch hier waren Personalentscheidungen nicht unwesentlich am Schlamassel beteiligt. Peter-Prinzip halt .. äh, leider gerade nicht *Peter*, wenn Sie verstehen...

Die grundsätzliche (Fehl)Entscheidung aber, in den technischen Nachbau zu investieren, statt in den Content, sprich Datenqualität, ist nicht etwa bei den Machern des VLB gefallen, sondern: natürlich im zuständigen Gremium des Vereins. Und derzeit nun hat man dort auch nichts besseres zu tun, als sich heftige Grabenkämpfe zu liefern, welche der beiden Windowsversionen denn nun die offizielle werden soll. Und bei den Barsortimenten will man anklopfen und deren Daten einkaufen, nachdem man sie jahrelang für die Sigelung auf dem VLB kräftig hat bezahlen lassen. Mit Zickzack-Kurs ist die Verwirrung am Hirschgraben wohl noch freundlich umschrieben.

Aber es kommt noch besser: Stellt sich ein Vertreter der Buchhändler, der jahrelang in den Vereins-Gremien saß, stellt der sich also hin, formuliert eine durchaus fundierte Kritik am ganzen Laden (also auch an sich selbst :-), verreißt dabei das VLB, das nun eigentlich nichts dafür kann, veröffentlicht das Ganze als Leitartikel im FORUM MANAGEMENT, damit es auch jeder liest, und empfiehlt als Rettungsmaßnahme (jetzt halten Sie sich gut fest), dass der Preis des VLB für Verlage und Buchhändler *angehoben* werden sollte!!!

Nachdem alle Eingeweihten wissen, dass 50-60% der VLB-Erlöse jahrelang in den Landesverbänden und mit Hilfe des Vereins verbrannt worden sind, es also eigentlich weniger als die Hälfte kosten könnte. Gaaaanz prima. Das schreit doch danach, dass es Konkurrenz geben wird, die schneller, effizienter und präziser dieselbe Funktion anbietet - und zu geringeren Kosten! Soll der Buchhändler denn für die 5-7%-Umsatz, die er mit den Titeln macht, die beim Barsortiment *nicht* gelistet sind, noch mehr Geld bezahlen als bisher? Nur weil der Verein sich mit falscher Politik, falschen Personal- und falschen Sachentscheidungen schwer in die Bredouille gebracht hat? Und solche Leute sitzen im Sortimenterausschuss des Vereins? Da kann ich als Buchhändler doch nur in die Tischkante beißen.


Zählen Sie selbst mit: 2,20 kostet ein Titel den Verlag, der Zwischenbuchhandel steuert nicht unbedeutende Schecks für die Sigel bei, 2 Mio. Einnahmen insgesamt von dieser Seite sind eher die untere Marge. Das VLB beschäftigt 30-35 Leute und presst ein paar Scheiben, macht summa summarum 3,5 Mio. Kosten. Bei 2 Mio. Einnahmen bleibt eine Lücke von 1,5 Mio., die durch den Verkauf gedeckt werden muss. Bei 4500 Scheiben Auflage wären das 333.- DM/Jahr. Mit 30.-/Monat plus Porto und Märchensteuer wäre das VLB schon im Gewinnbereich. Es kostet aber 80-100/Monat, erlöst dabei etwa 6-7 Mio. im Jahr. Sie wollten wissen, wer die vielen überflüssigen Ausschusssitzungen des Vereins bezahlt, die Spesen und Entgelte, die Seminare der Landesverbände etc.? Dreimal dürfen Sie raten (wobei wir die Mitgliedsbeiträge in ähnlicher Millionenhöhe nicht ganz unterschlagen wollen).

Dem neuen Geschäftsführer der Buchhändlervereinigung müsste man wünschen, dass er vom VLB und vom Internet-Business was versteht - denn das VLB verdient ja immer noch einige Milliönchen im Jahr. Die Betonung liegt auf *noch*! Man hat jahrelang diese Erträge verpulvert, sich eine ruinöse Web-Politik geleistet, das Tool unsinnigerweise nochmals neu erfunden, ohne es zu verbessern und die eigentliche Qualität, den Content, leider völlig vernachlässigt.

Noch immer kommen die Verlagsvertreter mit den Novitäten, und der Buchhändler muss sie von Hand in die EDV eingeben, weil sie nicht auf der Scheibe sind. Von den wenigen Vertretern mit Laptop und BWA-Titeldateien wollen wir nicht reden, es ist zu traurig, wie sich solche Daten hinterher auf dem Bildschirm ausnehmen. Auch hier hat es der Verein geschafft, eine an sich richtige Idee durch Missmanagement zu torpedieren. Erst zwingt man der Branche ein neues Format auf (BWA), dann erklärt man es baldigst für tot, um mit Gewalt einen Weltstandard (EDIFACT) einzuführen, den in Wirklichkeit nur die ganz grossen und die Bibliotheken brauchen, der aber jede kleine Buchhandlung viele tausend Mark kosten würde. Statt das alte Format als Branchenstandard weiterzupflegen, weil es ja nun inzwischen tausendfach installiert ist und benutzt wird. Und bei Bedarf zentral, z.B. bei der IBU, umzusetzen. Für diese simple Erkenntnis brauche ich keinen Betriebswirtschaftlichen Ausschuss, der es in 6 Jahren Diskussion in der Gruppe EDITEUR noch nicht mal geschafft hat, die deutschen Spezifika (gebunder Preis etc.) in den neuen EDIFACT-Standard einzubetten. Ein Ausschuss, der offenbar nicht ausreichend mit Sachverstand gesegnet ist, hat aber seine Daseins-Berechtigung verloren.


Aber bleiben wir beim Geschäftsführer der BUV (gesprochen BUFF), wie die Buchhändlervereinigung falsch, aber liebevoll abgekürzt wird: Da man sowieso kein Geld hat, nimmt man jetzt gleich zwei - Geschäftsführer, meine ich. Der eine wenigstens hat Inhouse-Erfahrung. Der andere aber hat gerade den Niedergang des SZ-Magazins durch Borderline-Journalismus zumindest juristisch zu verantworten. Schon Monate vorher hatte sich die FAZ aus dem gemeinsamen Projekt gestohlen - und dabei eine Vertragsstrafe in Millionenhöhe riskiert. Wer mag die offizielle Begründung "schlechte Wirtschaftsdaten" da noch glauben. Es war wohl wie im Fall Daum: Gewusst haben hätten es alle müssen, wissen wollte es keiner. Und ob der Geschäftsführer von den gefälschten Interviews nun Kenntnis hatte oder nicht: keine der beiden Alternativen kann uns wirklich begeistern.

Dieser Mann also hätte wohl froh und glücklich sein sollen, dass er ein Angebot von der Buchhändlervereinigung bekommt. Er soll aber lieber in Urlaub gefahren sein, als darauf zu antworten. Als er nach 6 Wochen gefragt wurde, ob er vielleicht in Erwägung ziehe den Job anzunehmen, soll er geantwortet haben, er müsse mal seinen Verleger fragen, ob der ihn freistelle - so wird es zumindest in Frankfurt offen kolportiert. Das klingt ja nach großer Entscheidungsfreude. Aber wirklich im Dunklen bleibt, was ein Jurist und Magazinmacher vom Geschäft mit dem strauchelnden Goldesel VLB verstehen soll. Und wer nun diese Personalie wieder zu verantworten hat.


Warum also zahlt eigentlich der Buchhändler für die Mitgliedschaft in einem Verein, in dem ständig falsche Sach- und Personal-Entscheidungen fallen? Weil er muss. Weil er nur so eine Verkehrsnummer bekommt. Und weil nur mit Verkehrsnummer eine Teilnahme am Zahlungsverkehr der BAG erlaubt ist - und davon sind nun wieder viele Verlagslieferungen abhängig. Dabei hat die BAG eigentlich nichts mit dem Börsenverein zu tun. Aber das Junktim mit der Vereinsnummer steht nun mal so drin in der Satzung. Deshalb ist der Buchhändler Mitglied.

Und nun kriegt er zweimal wöchentlich das Vereinsblatt. Aber damit wird er in Zukunft noch weniger glücklich sein als bislang. Die Redaktion will man gnadenlos zusammenstreichen. Weil leider das Anzeigenvolumen um ein Drittel eingebrochen ist. Und wenn ich ehrlich bin: es wundert mich nicht - Sie etwa? Wenn Sie was Spannendes lesen wollen, schlagen Sie dann den Lokalteil mit den Kaninchenzüchternachrichten auf? Schon mal was wirklich Aufregendes im BöBla gelesen?

Also: der Buchhändler zahlt für ein BöBla, das er vielleicht gar nicht haben will, aber wegen der gelben Seiten braucht, und leistet sich den BuchMarkt oder BuchReport extra nebenraus. Im Verein ist er nur wegen der Mitgliedschaft in der BAG und bei der IBU. Bei der IBU dürfte er sogar ohne offizielle Verkehrsnummer mittun - die IBU nämlich ist eigenständig. Und sie verhackstückt das öde EDIFACT-Format in den BWA-Satz und umgekehrt, sodass tatsächlich mal alle glücklich sein könnten. Aber die IBU ist ja auch eigenständig.

Und die BAG: Kaum eine andere Gesellschaft hat ein derart felsenfest seriöses Renommee in der Branche - und das zu Recht. BAG-Abrechnungen gelten als 100% korrekt. Leider muss der Buchhändler aber Vereinsmitglied sein. Und zahlt damit heftige *Gebühren* (Mitgliedsbeitrag), obwohl die BAG selbst für ihn eigentlich praktisch kostenlos ist. Nun hat die BAG eine alte Tochter-GmbH in eine Bezahl-Firma umgemünzt. Heißt Factoring Media und bietet Delcredere zu Konditionen an, dass jeder Konkurrenz das Blech wegfliegt. Wenn nicht sofort, dann aber bald. Volle 3%, sagen die Verlage, nimmt BRANYON (war früher Büro aktuell) nur fürs Risiko! Skonto kommt noch obendrauf! Wer als Verlag da nicht morgen schon bei der Factoring auf der Matte steht, um für weit *weniger* als der *Hälfte* den ganzen Zahlungsverkehr mit Ausfallrisiko und Debitorenhandling für alle 6000 Buchhandlungen in einem Rutsch komplett abzuwickeln, der hat allerdings keine besseren Konditionen verdient. Und die Factoring ist offen für alle, BÖV-Mitglieder oder nicht. Das gilt sowohl für die Debitoren, wie auch die Kreditorenseite. Die Factoring wird ein Bombenerfolg werden - wenn man sie läßt.

Aber jetzt kommt's: Der defizitäre Verein riecht Geld und will schon wieder mit den gierigen Grapscherchen jemandem in die Tasche langen. Ob es nicht noch billiger gehe, will der Verlegerausschuss wissen? Noch billiger? Bei Konditionen, die schon mehr als 50% unter den marktüblichen Sätzen liegen? Einfach degoutant, sowas, und nur geeignet, wieder mal ein gutes Projekt gegen die Wand zu fahren. Wann fängt der Verein endlich an, wirtschaftlich zu denken? Wie kann ich gute Leute halten, guten Service bieten, wenn wieder alles umsonst sein soll?


Wessen Dienstleistungen benötigen wir denn eigentlich - und was würde davon auch ohne den Börsenverein funktionieren?

Die Messen zum Beispiel. Muss gemacht werden. Funktioniert als GmbH und trägt sich selbst! Keine Klagen soweit. Prima Leute, prima Klima, alles prima. Dito und inkludiert der "Rationalisierungs"bereich. Der ist woanders angesiedelt (beim SOA), aber trotzdem allerbestens organisiert.

Der AKS. Leistet gute Arbeit, wird aber nicht wirklich gehört. Sollte von der Ehrenamtlichkeit zu einem Profitcenter mutieren und den SOA ersetzen. Der nämlich bringt ja nun wirklich nichts zustande. Ausnahmen bestätigen die Regel, siehe oben unter Messe - aber das ist ja auch *nicht* der Ausschuss, sondern die gleichnamige Abteilung. Verwirrung? Das ist Prinzip beim BÖV.

Der letzte Fehlschlag war, dass auch der SOA nicht verhindern konnte, dass gewisse Datensammler den offiziellen Segen des Börsenvereins (http://www.boersenblatt.net/sixcms/detail.php3?id=35791) bekommen - und das quasi zum Nulltarif. Der AKS hat doch nicht umsonst mit einem Brandbrief alle Buchhändler gewarnt! Der Börsenverein, so viel ist sicher, sieht auch bei diesem Deal nicht gut aus. Mal wieder.

Zurück zum AKS: Die Buchhändler, die für diesen Kreis zu groß sind, mögen doch bitte ihren eigenen Stammtisch aufmachen, das spricht sich doch leichter, wenn du 50 und ich 100 Filialen habe, als zusammen in einem Ausschuss mit den kleinen Krautern. Zum AKS und AWS einen AGS also: ist doch klar, dass Herrn Hugendubel und Herrn Gondrom ganz andere Sorgen plagen, als die Kollegin Müller mit ihren 85 qm im Ferienland, bei der die Mutter einspringt, wenn sie mal in Urlaub geht.

Solche Normal-Kollegen, und davon gibt es ja über 4000, die sind auch in der Lage, sich selbst zu organisieren und sie tun das auch in mehreren Genossenschaften. Die brauchen den Börsenverein nicht, wozu auch? Solche Kooperationen müssen alleine laufen können - und *fußkrank* ist der Börsenverein ja nun selbst genug.


Aber warum ist er das? Schauen wir uns doch mal an, wessen Interessen in den letzten Jahren besser und wessen eher nicht so gut vertreten wurden, vielleicht zeigt sich ja dabei ein Muster:

- VLB: Die Buchhändler tragen doppelt soviel zum Erlös des VLB bei, wie die Verlage. Sie hatten unter dem VLB-Nachbau-Schlamassel massiv zu leiden. Für die Verlage gab es keinerlei Änderungen. Die Meldequalität, die es eigentlich zu verbessern gegolten hätte, stand und steht nicht auf der Tagesordnung. Cover-Bilder, die eigentlich die Verlage hätten beisteuern müssen, wurden mit den Erlösen des VLB teuerst eingekauft. Das Web-VLB nutzt den Verlagen mehr als den Buchhandlungen, kostet sie aber nichts zusätzlich, den Buchhändler, der gelistet sein will, aber wohl: und die entscheidende Personalie? Kam aus einem Verlag. Und die nächste Personalie? Kommt wieder aus einem Verlag. Ich dachte, es hieße: Buchhändlervereinigung, nicht Verlegervereinigung?

- Kommunikation: Warum liefern noch 99% der Verkage *keine* elektronischen Lieferscheine, die dem Buchhändler die Arbeit wirklich erleichtern würden? Und warum torpedieren Verlage nach wie vor durch unsinnige Konditionsregelungen den elektronsichen Datenaustausch - indem man beim Bestellen per Fax Sonderkonditionen bekommt, nicht aber per IBU?

- Mitgliedschaft im BÖV: Der Buchhändler muss, um mitspielen zu können, Vereinsmitglied sein, für teuer Geld. Nur dann bekommt er das VLB zu einem halbwegs akzeptablen Preis. Und nur dann wird er von bestimmten Verlagen überhaupt beliefert. Umgekehrt? Fehlanzeige. Ins VLB kommt der Verlag auch ohne Mitgliedschaft. Wenn der Rechnungsadressat, der Buchhändler, in der BAG ist, ist das für den Lieferanten ein positives Signal. Er selbst kann sich die teure BÖV-Mitgliedschaft schenken.

- BAG/Factoring: Der Verlegerausschuss will über den Verein Einfluss auf die Factoring nehmen, um das supergünstige Delcredere, ohnehin schon für den *Kreditor*, also Verlag, ein Riesenvorteil, noch weiter zu drücken. Statt die Factoring ein bisschen verdienen zu lassen, damit sie dem Buchhändler auch mal einen günstigen Kredit angedeihen lassen kann, mit dem er z.B. modernisieren kann. Was hat der Buchhändler von der Factoring? So jedenfalls: Nichts.

Und so langsam wird ein Muster deutlich: Die Verlage haben es naturgemäß leichter, Personal für Ausschüsse abzustellen, denn der Buchhändler ist froh, wenn er mit seiner Personalplanung im harten Tagesgeschäft am Point-of-Sale zu Rande kommt - zumal die langen Öffnungszeiten nur die Buchhändler, aber nicht die Verlage treffen. Die wenigen Großbuchhändler, die nicht mehr am Verkaufs-Tresen stehen müssen und daher in Ausschüssen sitzen können, haben naturgemäß einen gewissen Abstand zu den Widrigkeiten des täglichen Buchhändlerlebens. Zuviel vielleicht. Und wenn nun eine Stelle im Verein besetzt werden muss, wo wären denn die Buchhändler, die jemanden aus ihrem Betrieb abstellen könnten oder nach Frankfurt wegloben wollten? Können Sie sich eine Buchhändlerin als Vorsteherin vorstellen? Ich mir schon, aber wie sollte es jemals so weit kommen? Es ist also nicht sehr verwunderlich, dass alles so gelaufen ist, wie wir es beobachtet haben. Und man muss keine Verschwörungstheorie bemühen, um das Strukturdefizit des Börsenvereins nachvollziehen zu können, denn es ist in der Konstruktion begründet. Leider nützt das den Verlagen 'in the long run' auch nichts, denn: Entweder bleibt der Buchhandel als solcher intakt, oder alle leiden. Jede andere Betrachtungsweise wäre kurzsichtig.

Man sollte nun nicht den Verlegern den schwarzen Peter zuschieben, aber man sollte erkennen, dass ein strukturelles Ungleichgewicht (hier Verkaufsfront-Tagesgeschäft, dort Bürotätigkeit) sich bei einer Ausweitung der Tätigkeiten des Vereins, wie in den letzten hundert Jahren geschehen, zwangsläufig ungünstig auswirken muss. Wenn aber bestimmte Missstände ihren unausweichlichen, tieferen Grund in einer Struktur haben, kann man sie dauerhaft nur ausräumen, wenn man die Struktur verändert.


Wozu also noch der gemeinsame Verein? Lasst ihn uns begraben und stattdessen drei (oder mehr) Gruppierungen bilden: Sollen die Verleger doch bitte ihre Probleme in ihrer Sektion lösen, sollen die Zwischenhändler, wenn sie das überhaupt für nötig halten, miteinander telefonieren - so viele sind's ja nicht, und sollen die Buchhändler eine eigene Interessenvertretung aufziehen. Und wenn es denn die (neue) Buchhändlervereinigung wäre, dann aber nicht unter der Leitung eines Verlagsmenschen. Haben wir nicht genug taffe, moderne BuchhändlerInnen, die sich über den wirtschaftlichen Erfolg mit ihren Buchhandlungen hinreichend für einen solchen Job qualifiziert und ausgewiesen hätten?

Sollen doch die Verleger das VLB auf eigenes Risiko betreiben (lassen) und es zu einem *marktgerechten* Preis an die Buchhändler weiterreichen, schließlich sind ja sie die Informationslieferanten. Sie dürfen sich dann 'life' von ihren Aussendienstlern (sprich Vertretern) und dem Zwischenbuchhandel die entsprechenden Rückmeldungen (sprich Kritik) geben lassen, damit das endlich auch mal bei den Verlagen ankommt.

Und sollen sich die Buchhändler ein Informationsblatt leisten, aber zu Marktpreisen statt zu überhöhten Mitgliedsbeiträgen, und mit relevanten Buchhändlernews statt Gremien-Hofberichterstattung. Und mit einer Anzeigenabteilung, die nicht um ein Fax bettelt, weil sie per Email übermittelte gängige Grafikdateien (JPG/PDF) im Jahr 2000 immer noch nicht lesen kann! (Sie glauben das nicht? Ja, ist auch unglaublich....).

Die Factoring Media kann im Laufe der Zeit die Muttergesellschaft BAG ersetzen und alles einsammeln im Branchen-Zahlungsverkehr, was neben der VVA übrigbleibt. Und bündelt und rationalisiert die Arbeit damit zum Wohl beider Seiten. Mit eventuellen Gewinnen kann sie auch mal zinsgünstige Kredite geben, wo es nottut, denn ein sanierter Debitor ist garantiert billiger als ein Konkurs.

Die IBU übernimmt die Branchenkommunikation wie bisher. Eine Servicegesellschaft betreibt die Messe und was sonst noch an Service anfällt, vielleicht bekommt man dann mal die Branchenadressen für ein Mailing wirklich sofort statt mit endlosen Verzögerungen.

Und die vielen Ausschüsse, von denen Sie noch nie was gehört haben, den Ehrungsausschuss und die Postkommision, brauchen wir die wirklich?

Wir brauchen gesunde, smarte, kleine Operationseinheiten, die nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten agieren, keine Titanic, die mit Volldampf auf den Eisberg *Fall der Preisbindung* zuläuft. Denn das tut der Börsenverein ja nun, nachdem er auch dieses Thema gründlich in den Sand gesetzt hat. Nur zur Erinnerung: Es waren die Österreicher, die uns in letzter Sekunde gerettet haben mit dem unwiderlegbaren Argument, der EU-Vertrag schütze kleine Länder vor der Benachteiligung durch grosse. Der Börsenverein? Der hat sich in Brüssel doch nur blamiert.

Aber in Frankfurt will man die Krise lieber in Ausschüssen aussitzen und sich weiterhin am kuscheligen Branchenofen wärmen. Das kann und wird nicht gutgehen. Aus der ursprünglichen Frage wird dann nämlich ganz schnell eine Prophezeiung: Börsenverein ade! Die wichtigere Frage wird sein: Wie sorgt man für eine weiche Landung, bei der alle Passagiere mit möglichst wenig Blessuren davonkommen? Deshalb müssen jetzt die Löschfahrzeuge auf die Piste und den Schaumteppich legen. Es gibt viel zu tun. Helfen Sie mit?


Warum anonym?

Warum anonym, wird der Kiebitz in jeder 2. Antwort-Mail gefragt. Nun, ich habe mal erlebt wie sich ein Buchhändler in einer kommunalpolitischen Frage öffentlich aus dem Fenster gelegt hat. Die Mitarbeiter seiner gleichnamigen Buchhandlung durften es dann ausbaden. Funktionsträger haben, da können sie tun, was sie wollen, keine persönliche Meinung! Das kann und will ich meinen Kollegen nicht antun, die die Freiheit haben sollen, anderer Meinung zu sein, und nicht für meine Meinung geradestehen zu müssen. Für persönliche Satisfaktion aber stehe ich jederzeit zur Verfügung.

Der Kiebitz