Fröhliches Studentenleben

Und Heidelberg hat's halt.

Es ist ein lauer Sommerabend, ich ziehe mein eingelaufenes ATARI-T-Shirt noch aus JACOM- Zeiten über und streune durch die Altstadtgassen. Vor dem 'Weinloch' steht Hans und lamentiert mit zwei Mädels herum, da stell' ich mich doch einfach dazu. Und Hans beeilt sich, mich als Computercrack einzuführen, das ist mir aber gar nicht lieb, denn das macht bei der holden Weiblichkeit einen eher negativen Eindruck. Und dann entdeckt noch jemand im Schummerlicht das AtariSymbol, gar nicht gut, wie das hier läuft. Aber irgendwie kriege ich die Kurve und der Abend endet feuchtfröhlich in der 'Schmiede'.

Am nächsten Morgen, auf der Fahrt nach Karlruhe fällt mir auf, daß ich von Hedi gar keine Telefonnumer habe, geschweige denn Adresse, so'n Mist. Udn von Hans weiß ich auch nur, daß er manchmal im 'Cafe am Markt' in der Küche steht. Hmm.

In Karlsruhe bricht jetzt wirklich die Grabsruhe aus, zumindest für mich. Der Frühsommer ist heiß, das Sonnenbaden auf der Wiese um die Ecke auch nicht der Bringer, eines Tages fasse ich mir ein Herz und lade den Chef zum Mexikaner ein.

Beim Essen erkläre ich ihm, daß ich zwar ein gutes Gehalt und ein schönes Auto zu schätzen wisse, mich aber ob der mangelnden Arbeit einerseits langweile, andererseits ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen hätte. Und nun hätte ich mich entschlossen, nochmals ein Studium aufzunehmen und wolle daher kündigen.

So eine Kündigung dürfte wohl einigermaßen selten sein, so daß der gute Doktor S. zunächst ein wenig verdutzt wirkt. Er nimmt es aber doch gelassen hin, und bietet mir für die laufenden Projekte sogar noch eine tageweise Beschäftigung an. Das finde ich nun wiederum sehr fair, und auch eine erfreuliche Aussicht darauf, mein nächstes Studium finanzieren zu können, also einigen wir uns auf einen Tag pro Woche, in Notfällen auch mal zwei, und schon von dem einen werde ich als Student fürstlich leben können.

Meine Untermieterin in meiner kleinen Altstadtbude läßt sich auch nix anmerken, wiewohl ich mir schon denken kann, daß sie dem Gemeinsames-WohnenExperiment mit eher gemischten Gefühlen entgegensieht, immerhin hatte ich ihr 'versprochen', mich mindestens 3 Jahre quasi nur wochenendweise sehen zu lassen, und an Wochenenden war sie wiederum häufig aushäusig gewesen, so daß es bislang wenig Probleme gegeben hatte. Nun dann denn...

Eines grau-trüben Augusttages also kommt der liebe Freund, dem ich schon die Karlsruher Wohnung zu verdanken habe, mit einem geliehenen Transporter und wir machen das, was ich am meisten verabscheue im Leben: Umzug. Glücklicherweise, hatte sich in dem einen Jahr noch nicht allzuviel angesammelt, es bleibt bei der einen Fahrt und einige Stunden später ist alles untergebracht, das meiste natürlich in Mutterns Keller. Und ich bin wieder Student.

Volker, mein alter Arbeitgeber aus JACOM-Zeiten lädt zur Gartenparty. Ach, ist das schön , wieder unter alten Freunden zu weilen, und zu wissen, hier bleibe ich! Didi stellt mich irgendwann einem löwengelockten jungen Mann mit gewinnendem Lächeln vor, Uwe Herbig. Die wollen was von mir, aber was? Uwe erklärt. Er hat ein Coiffeur-Geschäft. Und würde seine Angestellten gerne provisioniert bezahlen, d.h. kleines Grundgehalt, anständige Beteiligung, jeder verdient, was sie/er arbeitet. Das hebt die Moral und fördert Eigeninitiative. Allerdings sitzt der Chef dafür das ganze Wochenende, um die vielen Hand-Zettel auseinanderzuklamüsern. Und ich hätte doch gerade bei dem Chemieriesen..., das weiß er natürlich von Didi. Vorschlag der beiden: Jeder wirft sieben Mille in den Topf, Jacom zum Teil in Hardware, ich in Form von Software, und am Schluß haben wir ein fertiges Produkt, Uwe testet es, und wir verkaufen es dann gemeinsam.

Ich lasse mich dafür erwärmen, und 14 Tage später hole ich bei JACOM den Rechner ab, den ich dafür brauche: ein 286 AT, mit 20 Mhz getaktet, Neatboard für versetzten, schnellen Speicherzugriff auf den 1 MB 'großen' Hauptspeicher und eine 40 MByte Platte. 5,25 Zoll Floppylaufwerk ist eh klar, und der Bildschirm leuchtet bernsteinfarben!

Der Rechner ist von HEAD, und deshalb kriegt das Projekt bald den Namen 'head77', den 'head' hat ja was mit Friseur zu tun, und 7.700 DM soll es mal kosten, wenn's fertig ist - mit Hardware natürlich.

Inzwischen habe ich auch Hans aufgetrieben, und von Hans eine Telefonnummer. Die ich fleissig nutze. Kein Wunder, daß der September vorbeifliegt - und allzubald das erste Erstsemestertreffen ruft. Das ist schon etwas merkwürdig, mit 35 unter lauter 20igjährigen zu sitzen, obwohl das nicht ganz stimmt, ein paar andere haben, wie ich, auch Umwege gemacht, trotzdem, ich fühle mich nicht ganz unbefangen.

Es ist ein goldener Oktober, meine Süße weilt in Israel und ich versuche mich an die universitäre Bürokratie zu gewöhnen, als der erste Auftrag aus Karlsruhe eintrifft. Ich soll für meine alte Firma eine EDV- Beratung durchführen und für eine Stiftung in Stuttgart ein Konzept erarbeiten. Ojeh, jetzt brauche ich doch wieder ein Auto. Der Renault, den ich mir beim Familien-Autohändler besorge, ist zwar ganz nett, aber für einen inzwischen fast schon eingefleischten BMW- Fahrer zu französisch. Er klappert, die Schaltung hakelt, der Motor dröhnt, die Lenkung ist schwammig und schwergängig, und als er mich bei Nieselregen trotz Frontantrieb einmal fast aus der Kurve trägt, ist meine Geduld am Ende. Einmal noch morgens nicht anspringen, dazu die zufällige Bemerkung, mein alter Geschäftswagen stünde noch beim Händler - und der "Student" fährt wieder BMW.

Mit dem Studentendasein ist allerdings auch nicht viel. Schon im Dezember sind zwei weitere Aufträge dazugekommen, und mein absehbarer Jahresetat sprengt alle Grenzen. Ganz nebenbei habe ich mir flugs Geschäftspapier und Visitenkarten machen lassen, ein Fax und einen Drucker besorgt und bin so in eine Selbstständigkeit hineingestolpert, an die ich nicht im Traum jemals gedacht hatte.

Arbeit habe ich mehr als genug und die Vorlesungen müssen leider ohne mich stattfinden. Ein Projekt vor allem treibt mich an: head77. Wer hätte gedacht, daß es die Mutter aller Borsche-Programme und damit auch die Mutter von TANGO werden würde... (wird fortgesetzt)

Urlaub, Grippe und andere Ungemütlichkeiten

Der Dezember ist gräßlich, voller Arbeit, naßkalt, einfach scheußlich. Auch wenn inwendig ein hübsches Feuerchen heftig lodert... So ist eine Woche Gran Canaria für den Januar flugs gebucht.

Ich war da schon mal früher, kurz bevor ich bei der ADI angefangen hatte. Ein Horror. Wir waren damals um die halbe Insel gefahren, und hatten dann endlich ein schönes Fleckchen gefunden, aber es war unser letzter gemeinsamer Urlaub geworden. Und das wollte ich jetzt wiederholen?

Das Fleckchen war noch immer wunderhübsch, kaum zu glauben, wo doch Gran Canaria der reinste Massen-Touri-Horror ist. Von Las Palmas aus südwärts erst Touri-Burgen im Stile 'Märkisches Viertel', dann Touri-Dörfer aus lauter gleichen Bungalows soweit das Auge reicht, dann karstige, schmale Täler, die Hänge mit weißen Touri-Schuhschachteln zugebaut, unten 25 m Sandstrand, keine 3 Meter breit und Hunderte, die sich darauf drängeln, scheußlich. Und das eine Kehre der Küstenstrasse nach der anderen. Und dann am Ende der Küstenstrasse, weit im Westen, Puerto Mogan, ein altes Fischerdörfchen, nur maßvoll erneuert, keine Hotels, nur Pensionen, eine hübsche Bucht, ein kleiner neuer Yachthafen, aber vom Dorf aus nicht zu sehen, dazu ein paar wunderbare Kneipen, eigentlich ein Traum.

Nun bin ich also wieder hier, und diesmal ist alles prima, oder doch nicht? Kurz gesagt, wir trinken zuviel und reden zu wenig, die Sonne hilft, aber es wird schon um 6 Uhr dunkel und die Nächte sind verdammt lang.

Bald nach unserer Heimkehr erwischt mich eine Grippe. Von der Autobahn schaffe ich's mit Schüttelfrost gerade mal eben noch nach Hause und falle ins Bett. 'Kranke Leute deprimieren mich' ist der Kommentar meiner Holden, die bald mein Holde nicht mehr ist. In einen Nixnutz hat sie sich verguckt, Taxifahrer und Möchtegernmusiker, ach tut das weh. Himmel nochmal, so was sollte nicht so verdammt wehtun...

Mitten in meinen EndzeitWeltuntergangs-Schmerz hinein platzt Doktor S. mit einem neuer Auftrag. Ein Eilauftrag. Zwanzig Mille, wow, aber Abgabetermin vorgestern. Wie sagte doch Henry Kissinger: Gegen Depressionen hilft am besten ein wohlgefüllter Terminkalender. Richtig. Man kann das dann noch anreichern mit zwei Kannen Kaffee pro Tag und einem Liter Wein, dann passt's. Oder war es umgekehrt, zwei Liter Wein und ein Liter Kaffee? So sitze ich denn zwischen 14 und 18 Stunden täglich und haue in die Tastatur. Mir ist speiübel, ich schleppe mich von Tag zu Tag, und trotz heftigen Arbeitens schafft mein Kopf es noch, zweigleisig zu denken. Vielleicht würde räumlicher Abstand helfen?

Geld habe ich ja genug, also kaufe ich mir einen hübschen kleinen Laptop für schlappe sieben Mille, jau 286er wieder mal, mit 20 Mbyte Festplatte, und miete ein Zimmer in Hamburg, das ist ja wohl weit genug weg. Ein halbes Jahr pendele ich zwischen Heidelberg und Hamburg, eine Woche hier, eine dort, mein weißer Flitzer trägt mich hin und her und schon allein das Fahren tut wohl. Am Großen Neumarkt in Hamburg sitze ich an dem kleinen Tischen gleich links neben der Bar, laß mir ein Verlängerungskabel rüberreichen und trinke morgens um elf meine erste Weinschorle. Spä- ter dann Kaffee, wieder Wein, wieder Kaffee, dazwischen ein paar Löffel Chili-con-Carne, abends irgendwann fahre ich nach Altona, wo meine Bude auf micht wartet.

Bude ist das richtige Wort, eine Matratze, ein paar kahle Wände, ein Klavier, Risse in der Decke, da hause ich. In der Küche ist ein Verschlag aus Brettern, da drin ist das Klo. Zum Duschen muß man einen Schlauch am Wasserhahn befestigen, die Spülschüssel auf den Boden und dann ganz vorsichtig... Natürlich sind die 5 Liter aus dem Untertischboiler im Nu weg, und dann wird's lausig. Ich wohn' da mit einer etwas ausgeflippten Opernsängerin, d.h. eigentlich Musikstudentin zusammen, die aber meistens irgendwo anders herumturnt. Vor urdenklichen Zeiten habe ich mal für ihren Onkel, der ein Fleischforschungsinstitut betreibt (jau, sowas gibt's) eine Energiespar-Studie über Schlachthöfe gemacht, klein ist die Welt...

Wenn ich nicht im Uhlenspieker sitze und reinhacke, dann sitze ich in Altona in der Küche, trinke Tütencapucchino und lese. Da gibt es ein altes Bücherregal mit sämtlichem Trivialschrott, den man sich denken kann, von Perry Rhodan über Hans-Helmut Kirst bis Marie-Louise Fischer, ich lese alles, es betäubt so schön.

Beruflich habe ich mich schon fast etabliert. Meine Steuererklärung bedarf professioneller Betreuung und die Tatsache, daß ich ungestraft Termine überschreiten darf, auch bei größeren Firmen, ist doch ein gutes Zeichen. Auf einer Grillparty im Spätsommer flackert zum ersten Mal wieder das Bedürfnis auf, jemanden kennenzulernen. Diesmal habe ich zwar keine Schwierigkeiten, die Telefonnummer herauszubekommen, aber die Dame verschwindet am nächsten Tag auf eine mehrwöchige Ausgrabung in die Türkei. Das muß also warten.

head77 ist nun auch schon im Einsatz, nur der Verkauf läuft noch nicht so recht. Uwe ist jedenfalls hochzufrieden: Ich habe eine Kasse gebaut, hinter der sich der ganze buchungstechnische Kleinkram verbirgt, mit dem er sonst seine Wochenenden verbringt. Mit zwei, drei Buchstaben hat man die gewünschte Dienstleistung, zum Beispiel Haar schneiden Herren kurz - HSHK - identifiziert und auf den Bon übertragen. Noch das Mitarbeiterkürzel dazu, den Preis bestätigt, fertig. Ausdrucken und - Ping - die Kassenschublade springt auf. Am Monatsende kann man dann die Mitarbeiterprovisionen direkt aus den 'Umsatz'statistiken ausdrucken. Das Programm ist wirklich flexibel, und als mich der verrückte SportschuhProfessor bittet, doch für Masssagepraxen eine Rezeptabrechnung zu schreiben, muß die gute head77-Kasse als Vorlage herhalten.

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