Telepolis: Schützt Vitamin D vor Covid-19?

Telepolis: Schützt Vitamin D vor Covid-19?

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Am 3. April titelt der SPIEGEL unter Faktencheck:

Schützen Vitamine vor dem Coronavirus?

und fasst das Ergebnis kurz zusammen:

„Aktuell preisen Menschen Vitamin C und D als Wunderwaffe gegen Covid-19 an. Warum Sie sich trotzdem nicht dazu verleiten lassen sollten, sofort Nahrungsergänzungsmittel einzukaufen.“

Damit liegt die Autorin und Fachfrau Nina Weber mal wieder ganz auf der Linie der DGE und der Ärzteschaft, die einmütig sagen: Wer sich ausgewogen ernährt, muss keinerlei Mängel an Vitaminen oder Mineralstoffen befürchten, Nahrungsergänzungsmittel, so die einhellig vertretene Fach-Meinung, seien im Allgemeinen überflüssige Geldausgaben.

Einschub: ich gendere so gut als möglich. In vielen Fällen nehme ich die weibliche Form, wenn alle Geschlechter gemeint sind, viele hundert Jahre Nutzung der „Mannform“ verträgt ein wenig Ausgleich.

Die Angst vor Snake-oil-Verkäufern mit windigen Heilsversprechen ist groß, so groß, daß man gerne auch die eigenen Angaben aus den Augen verliert. So konstatiert die DGE, daß der Tagesbedarf an Jod beim Durchschnittserwachsenen bei ca. 200 mcg liegt. Und gleichzeitig, daß die deutsche Bevölkerung nur eine tägliche Zufuhr von 120 mcg hat, das jodierte Salz schon inkludiert. Kein Mangel? Und die ca. 80.000 Schilddrüsen-OPs pro Jahr? Kein Zusammenhang?

Gleiches gilt z.B. auch für Selen. Weil die europäischen Böden seit Millionen Jahren ausgewaschen und daher selenarm sind, fehlt uns Selen im Brot. Die Finnen reichern ihren Getreidedünger mit Selen an. Deutschland nicht. Und die Stiftung Warentest warnt dann noch ausdrücklich vor Selenpräparaten: "Nahrungsergänzungs­mittel mit Selen: Hilft nicht viel - schadet im Zweifel". Hilft nix wogegen? Ah, Herzinfarkt. Wer hat das behauptet? Niemand. Klassische Taktik: widerlegen was der vermeintliche „Gegner“ (= der tumbe Verbraucher) gar nicht gefragt hat. Und die Warnung? Ja, man kann einen Chow-Chow zum Trocknen in die Mikrowelle stecken. Das wird nicht gut ausgehen. Ja, man kann sich mit Selen vergiften, indem man 6 Monate lang die 7-fache Tagesdosis zu sich nimmt. Das geht auch nicht gut aus. Wen wunderts, aber wer braucht solche Argumente?

Man sollte also, was Vitamine und Spurenelemente angeht, die Aussagen der DGE, der Ärztebünde und anderer Standesvertretungen, die von Bundesernährungsinstituten wie dem DIFe oder auch dem Bundesinstitut für Risikoabschätzung (BfR) zumindest kritisch hinterfragen und auch mit internationalen Empfehlungen vergleichen.

Beispiel Jod: eingeführt schon 1925 in der Schweiz gegen Kretinismus und Struma (Kropf). Mit 20 mcg Jodid pro 1g Salz. In der BRD überhaupt erst seit 1985 „erlaubt“. In der Schweiz werden 2/3 der verarbeiteten Lebensmittel (Wurst, Pizza etc.) mit jodiertem Salz hergestellt, in der BRD aber nur 1/3. Die Schweiz hat den Wert im Salz mittlerweile auf 25 mcg/g erhöht. Und wir haben Jodmangel, das ist doch prima, wie die vereinte Bundeswissenschaft sich um uns kümmert.

Nun aber zu Vitaminen und dem Corona-Virus. Dazu der SPIEGEL:

Achtung! Bevor nun sofort online die größtmögliche Packung Vitamin D gekauft wird: Zur Einnahme wird nur geraten (Quelle: DGE), wenn tatsächlich eine Unterversorgung vorliegt, also wenn ein zu niedriger Wert nachgewiesen ist und man einen besseren Wert nicht durch Aufenthalte in der Sonne sowie die Ernährung erreichen kann.

Wer ohnehin genug Vitamin D hat, profitiert wahrscheinlich nicht von zusätzlichen Pillen. Man kann Vitamin D überdosieren und sich damit schaden. Das kann zum Beispiel zu Nierensteinen führen.“

Oh, da ist ja fast alles falsch. Angefangen von der Packungsgröße, die mit dem Inhalt der einzelne Tagesdosis ja nichts zu tun hat, oder? Bei 100 ASS sind genau dieselben 500 mg Tabletten drin, wie bei der 20er Packung. Naja, über Dosierungen will die Autorin ja nicht reden, das ist auch gefährliches Terrain.

Eine Unterversorgung? Ja, das gibt es, vor allem bei alten Menschen. Das sagt uns auch das BfR in einem Paper von 2011 (ein neueres gibt es nicht) in zwei hübschen Grafiken:

Ja, die „gesunden“ Seniorinnen rangieren von 66-96 Jahren (arithm. Mittel wären 81), die multimorbiden (geriatrisch ist ein hübscher Euphemismus für multimorbid resp. Vorerkrankung) sind aber ca. 83 Jahre alt (bzw. 78-88 Jahre). Trotzdem ist die Korrelation zwischen krank und unterversorgt und gesund und gut versorgt wohl unübersehbar.

Allerdings wird hierbei auch der urdeutsche Grenzwert von 20 ng/ml (=50 mmol/L, Umrechnungsfaktor ist ~1:2,496) reproduziert, der als gesund, nein, sogar „optimal“ gelten soll. Das ist international längst anders, üblicherweise gelten <20 ng/ml als deficient (Mangel), 20-30 ng/ml als insufficient (ungenügend) und erst >30 ng/ml als sufficient, also genügend.

Ergänzen könnte man: in der Wiege der Menschheit, in Ostafrika, haben die dort traditionell lebenden Stämme der Massai und Hadza einen Level von 46 ng/ml:

Traditionally living populations in East Africa have a mean serum 25-hydroxyvitamin D concentration of 115 nmol/l." (t1p.de/tl4s)


Freilebende Schimpansinnen, unsere genetisch ähnlichsten Cousinen haben 48 ng/ml. In europäischen Zoos allerdings nur 24 ng/ml, ähnlich wie wir: Durchschnitt der deutschen Bevölkerung: 18 ng/ml - im Jahresdurchschnitt. Da Vitamin D kaum durch Nahrung zugeführt wird, sondern durch UVB, also Sonneneinstrahlung gebildet wird, zwischen Oktober und März aber aufgrund der Sonnenstandes nichts mehr, und der D-Speicher nur 2-3 Monate hält, sind Werte von <10 ng/ml im Januar und Februar keineswegs selten, schon gar nicht bei Seniorinnen: die über 65-Jährigen haben – im Jahresdurchschnitt – zu 40% nur weniger als 10 ng/ml, zu weiteren 40% weniger als 20 ng/ml. Alles nach Angaben des BfR. Was mag da wohl im Januar los sein, wenn die Grippe wütet?

Aber Korrelation ist ja nicht gleich Kausalität, das berühmteste Beispiel für eine „Fake“-Kausalität bei hoher Korrelation ist wohl immer noch der Rückgang der Anzahl der Störche mit dem Rückgang der Geburtenrate. Beides hat zwar wohl indirekt mit der Industrialisierung zu tun, aber trotzdem wird dadurch das Ammenmärchen, daß der Storch die Babies bringt, nicht wahrer.

Was spricht denn für eine Kausalität? Denn dass es im Falle von durch Grippeviren verursachter echter Influenza vornehmlich die Alten sind, die dann an einer Lungenentzündung sterben, ist ja kein Beweis, auch wenn das hoch mit dem - im Alter abnehmenden - Vitamin-D Level korreliert (alte Menschen bilden nur noch 25% soviel Vitamin D wie junge, dazu kommt noch ein anderes Sozialverhalten: nackert Sonnenbaden ist da eher die Ausnahme als die Regel).

Für Vitamin D Mangel ist nur eine Krankheit wirklich unbestritten: die Rachitis (Knochenerweichung). Und die wird zuverlässig mit einer Tagesdosis von ca. 1000 internationalen Einheiten (I.E. oder IU) verhindert, ziemlich genau der Inhalt eines Löffels Lebertran, den man früher den Kindern verpasst hat. 1.000 I.E. oder 25 mcg D3 führen zu einem zusätzlichen Level von ca. 10 ng/ml D(25), je nach vorherigem Level - wer schon „45“ hat wird damit nur noch „5“ zulegen, der Körper hat eine eingebaute Bremse. Als D3 verkauft wird Cholecalciferol, eine Vorstufe des später vom Körper daraus hergestellten aktiven Vitamin D (Calcitriol), das eigentlich ein Hormon bzw. Secosteroid ist. Beim Arzt gemessen wird aber die Zwischenstufe Calcidiol oder 25(OH)-Vitamin-D, kurz D(25), in der es im Körper auch vorgehalten, sprich gespeichert wird.

Analog zum Jod: anerkannt bei schwerem Mangel ist Kretinismus, in Maßen auch die Struma (der Kropf). Ob ein minder schwerer Mangel zu Schilddrüsenunter- resp. Überfunktion führt, dazu gibt es wenig bis nichts in der Literatur. Und im Alltag merken wir normalerweise nichts vom Jodmangel. Aber gleichzeitig sehen wir eine absurd hohe Anzahl von Schilddrüsen-OPs, denn 80.000 OPs/a bedeutet, daß jede 10. Deutsche im Laufe ihres Lebens an der Schilddrüse operiert wird. Was dann jeder als Einzelschicksal hinnimmt. Korrelation oder Kausalität? Eine ewig unterversorgte Schilddrüse, die reagiert, indem sie versagt, ihren Betrieb einstellt, oder aber hyperaktiv wird, um den Mangel auszugleichen? Müsste man doppelblind über 30 Jahre testen. Jod kostet nichts, Schilddrüsenhormone, die nach einer Resektion bis ans Lebensende genommen werden deutlich mehr. Mit Jod kann man nichts verdienen, mit OPs aber durchaus. Da gibt es keinen Anreiz für teure Studien, denn solche Studien werden fast ausschliesslich von der Pharmaindustrie finanziert – die mit Jod nichts verdienen kann, mit T3/T4 Ersatz aber sehr wohl.

Zurück zum Vitamin D. Was tut es denn sonst noch, ausser eine Rachitis zu verhindern? Es ist an der Synthese von über 2000 körpereigenen Proteinen und Enzymen beteiligt, man müsste also eher fragen: was tut es nicht? Und etliche dieser Enzyme steuern unsere Immunabwehr, D gilt als Immunmodulator. Denn der Krieg, den unser Körper gegen Entzündungen jeglicher Art, seien sie bakteriell oder viral ausgelöst, muss moderiert werden, es müssen ausreichend „Krieger“ da sein und schnell in die Schlacht geschickt werden können, aber wenn es zuviele werden, dann greifen sie unweigerlich die eigenen Leute, die gesunden Zellen an und produzieren in ihrem Anwehrkampf so viele Zytokine (Zellgifte), daß es zu einem gefürchteten Zytokinsturm kommt (= noch mehr Krieger), der allzu häufig in einer Sepsis und Multiorganversagen endet.

Am 6. Februar noch sagte Prof. Chrstian Wendtner, Chefarzt in Schwabing und Infektiologe im bayrischen Rundfunk Corona sei auf keinen Fall gefährlicher als Influenza. (t1p.de/7rz8). Nur sieben Wochen später aber im ZEIT-Interview: «Wir Intubieren und beatmen auch junge Menschen. [..] Bei vielen Patienten [..] sind riesige Flächen der Lunge infiziert. [...] Das ist hier schon ein sehr wuchtiges Geschehen.» In vielen Fällen komme es zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems, einem Zytokinsturm. «Vereinfacht gesagt schießen dabei Entzündungszellen in die Lunge ein. Dadurch werden die Lungenbläschen in ihrer Funktion stark eingeschränkt und der Gasaustausch kann nicht funktionieren. Bei einem Großteil der Patienten, die auf die Intensivstation kommen, sehen wir irgendwann so eine Reaktion.»


«Besonders bei vorerkrankten und alten Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist, kann Sars-CoV-2 die Lunge regelrecht zerstören. Zum einen gehen die versklavten Epithelzellen mit der Zeit zugrunde, zum anderen greifen offenbar körpereigene Immunzellen die entzündete Lunge an.» sagt Corona-Forscher Hilgenfeld im SPIEGEL

Und was hat jetzt Vitamin D damit zu tun? Wie gesagt, D ist ein Immunmodulator, das Herunterregeln der Immunantwort gehört genauso zu seinen Funktionen, wie das Bereitstellen der Armee von Immunkriegern. Eine solide Balance zwischen beidem sichert einen vernünftigen, ausgewogenen Umgang des Körpers mit Entzündungen.

Die Vermutung ist, daß ein solider Vitamin-D-Level (eher im Bereich der Massai/Hadza, also eher 45-50 ng/ml, als nur die deutschen 20 ng/ml) die Inzidenz von Zytokinsturm und Sepsis sehr stark senken könnten. Weniger Sepsis, weniger Tote, kürzere Beatmung, kürzerer Aufenthalt auf der Intensivstation, weniger Überlastung der Krankenhäuser, weniger Letalität. Was das gesamtgesellschaftlich bedeuten würde, muss ich hier nicht erläutern, so schlau sind Telepolis-Leser allemal. Aber warum bemerken wir im Alltag nichts vom eher mangelhaften Vitamin-Status? Wie beim Jod: Man käme nicht darauf, dass sich z.B. die 1-3 Erkältungen pro Jahr mit drei bis sieben Schnupfentagen auf einen halben Tag mit etwas gereizter Nase reduzieren liessen, wenn der D-Level höher wäre und der Körper die Rhinoviren gleich richtig bekämpfen könnte. Beweisen lässt sich das auch nicht, schon gar nicht per eigener Erfahrung, die gilt immer als „anekdotisch“. Sehen Sie es mal so: mit nur halbem Luftdruck auf den Reifen können Sie jederzeit bequem zum Supermarkt fahren und zurück, das merken Sie gar nicht, wenn Sie nicht einen sehr empfindlichen Sebastian-Vettel-Popometer haben. Nur wenn Sie eine Notbremsung machen oder eine sehr scharfe Kurve unerwartet zu schnell durchfahren müssten, könnte das sehr kritisch werden, den entscheidenden Unterschied machen. Soll heissen: im „gesunden“ Alltag gibt es keine Hinweis auf zuwenig D, erst wenn es in kritischen, also Krankheits-Situationen gebraucht wird, wird es spannend.

Daher jetzt zu den Hinweisen, zu den Studien. Da wäre erstmal eine iranische Studie – so gut wie unbekannt (wer glaubt schon dem Iran?) und in der Corona-Diskussion bis zum 3. April m.W. nirgendwo erwähnt. Warum auch, hat ja mit Corona nichts zu tun. Der Autor hatte sie bei der Suche nach Vitamin D und Sepsis zufällig im Netz gefunden und den SPIEGEL darauf hingewiesen. Wenige Tage später wurde sie im o.a. Vitamin-Artikel aufgegriffen und quasi verrissen, dazu später, hier erstmal die Ergebnisse:

"The Relationship of Serum Vitamin D Level With the Outcome in Surgical Intensive Care Unit Patients" (https://t1p.de/zlb8):

Vitamin D-Level

Vit D < 20 ng/ml

Vit D 20-30 ng/ml

Vit D > 30 ng/ml

Durschnittsalter

66,2 +/- 14,6

65,3 +/- 14,3

53,7 +/- 17,3

Sepsis

36,7%

18,3%

2,5%

Tage Intensivstation:

24,1

12,3

6,2


Zu beachten ist: 1. und 2. Gruppe sind fast gleichalt (~65/66), dritte aber nur 54, allerdings mit einer sehr großen Bandbreite, 36-70 Jahre.

Trotz dieser Einschränkung der Vergleichbarkeit: wir sehen von wenig zu viel Vitamin D jeweils eine Halbierung der Aufenthaltsdauer in der ICU (24/12/6), bei der Sepsis ist der Effekt noch größer (~36/~18/~3), das riecht schon stark nach Kausalität, zumal die Wirkung von Vitamin-D auf das Immunsystem ja hinreichend bekannt ist. Und es deckt sich fatal mit dem, was wir über das Sterben vor allem der alten, vorerkrankten Seniorinnen und deren korrespondierend niedrigem Vitamin-D-Level wissen (s.o. BfR-Statistik).

Was aber meint der SPIEGEL dazu (der diese völlig unbekannte Studie interessanterweise aufgegriffen hat)?

Auf den ersten Blick scheinen die Daten ein klares Bild zu liefern: Vitamin-D-Mangel ging mit einem höheren Risiko für Sepsis und Tod einher. Doch die Forscher stellen selbst klar, dass der Vitamin-Mangel hier nicht der Auslöser ist, sondern ein Begleitsymptom der vorangehenden schweren chronischen Krankheiten der Betroffenen und hier als Hilfe dient, um zu ermitteln, wie es insgesamt um die Patienten steht.“

Das nun ist eine mehr als freie Interpretation und steht so nicht in der Studie. Was drin steht: man hat noch andere mögliche „Co-Faktoren“ der Sepsis-Symptomatik gefunden, Calcium, Phosphorwerte etc.pp. Und kann deshalb nicht sagen, daß Vitamin D ein Biomarker für die Wahrscheinlichkeit einer Sepsis bzw. ihren Verlauf wäre.

Nun aber ist der Calcium/Phosphorstoffwechsel mannigfaltig mit dem Vitamin-D-Stoffwechsel verknüpft, wie uns die Wikipedia belehrt. Da in der Studie keine weiteren Angaben zu den Calcium- und Phosphorwerten zu finden ist, kann leider nicht überprüft werden, was da Henne und was da Ei ist. Zeigen alle Faktoren in sinngemäß dieselbe Richtung (je nach dem, reziprok oder nicht), wäre das nicht verwunderlich, denn wir wissen eines ganz sicher: der Calcium-Stoffwechsel ist vom Vitamin D abhängig, nicht umgekehrt. Und ja, es ist bekannt, daß Vitamin D von schweren Krankheiten (Krebs etc.) „verbraucht“ wird. Aber die Autoren hatten prospektiv bei der Einlieferung auf die ICU gemessen, nicht hinterher!

Und es gibt noch mehr Studien, die sich mit Lungenentzündungen und Vitamin D beschäftigen. Eine große Metanalyse von 2017 über insgesamt 11.000 Patienten kommt zu dem Schluss:

Die Vitamin-D-Supplementierung war sicher und schützte insgesamt gegen akute Atemwegsinfektionen.

Results 25 eligible randomised controlled trials (total 11 321 participants, aged 0 to 95 years) were identified. Vitamin D supplementation reduced the risk of acute respiratory tract infection among all participants (adjusted odds ratio 0.88, 95% confidence interval 0.81 to 0.96; P for heterogeneity <0.001).
Conclusions Vitamin D supplementation was safe and it protected against acute respiratory tract infection overall. Patients who were very vitamin D deficient and those not receiving bolus doses experienced the most benefit.

und diese Studie hier: DOI: 10.21203/rs.3.rs-21211/v1 kommt zu folgenden Ergebnissen

Der mittlere Vitamin D-Spiegel in jedem Land war [...] stark mit der Mortalität / 1 M assoziiert.

Diskussion: Der Vitamin-D-Spiegel ist in der alternden Bevölkerung besonders in Spanien, Italien und der Schweiz sehr niedrig. [...]

Results: The mean level of vitamin D (average 56mmol/L, STDEV 10.61) in each country was strongly associated [...] with the mortality/1M (mean 5.96, STDEV 15.13, p < 0.00001).
Discussion: Vitamin D levels are severely low in the aging population especially in Spain, Italy and Switzerland. [...]
Conclusions: We believe, that we can advise Vitamin D supplementation to protect against SARS-CoV2 infection.

Und es gibt noch mehr: Eine englische Studie kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen (übersetzt und gekürzt):

81 Patienten, Durchschnittsalter 62 Jahre. Patienten mit D-Werten von <30 ng/ml hatten im Vergleich zu Patienten mit D-Werten von >30 ng /ml häufiger eine schwere Sepsis (61% gegenüber 24%; p = 0,006) und eine Funktionsstörung von zwei oder mehr Organsystemen (50% gegenüber 18%). Alle vier Patienten, die während des Index-Krankenhausaufenthaltes starben, hatten 25 D-Spiegel von <30 ng/ml.

Die geringe Patientenzahl erlaubt keine vernünftige statistische Signifikanz, klar. Aber in dieselbe Richtung weist auch eine echte prospektive
Studie, die am Ausbildungshospital in Boston stattfand. Dort wurden 3 x 10 ICU-Patienten sofort nach der Einlieferung auf D-Level untersucht und dann mit Placebo, 200.000 I.E. bzw 400.000 I.E behandelt. Bei nur 30 Probanden kann man statistische Signifikanz nicht erwarten, und einige Augangswerte unterschieden sich: die Placebo-Gruppe (1) hatte zu Beginn den höchsten D-Level (nach 5 Tagen dann den niedrigsten), die Gruppe 3 mit 400.000 IU Initialdosis dafür den höchsten BMI. Immerhin war der Altersschnitt relativ ausgeglichen. Im Ergebnis kann man vor allem hervorheben: Tage in der ICU: 12 / 4 / 3. Wiederaufnahme in die ICU binnen 30 Tagen: 20% / 0% / 0%. 30 Tage Mortalität: 30% / 30% / 20%. Alles nicht signifikant, aber die Tendenz ist unübersehbar.

In den letzten Tagen gab es auch noch zwei Meldungen auf Portalen, die eher von medizinischen Fachpersonal goutiert werden:

https://m.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/coronavirus/vitamin-d-zur-risikominimierung-colecalciferol-und-covid-19/

Amerikanische Wissenschaftler haben in Zusammenarbeit mit Forschern der medizinischen Universität in Debrecen, Ungarn, Daten zum Thema Vitamin D und Infektionen ausgewertet. Nun vermuten sie, dass eine Vitamin-D-Supplementierung als nützliche Maßnahme zur Risikominderung bei der aktuellen Corona-Pandemie angesehen werden kann. […] Diese Möglichkeit beruhe auf der Freisetzung von Cathelicidinen und Defensinen. Cathelicidine sind antimikrobielle Peptide und Teil der angeborenen Immunantwort. Sie werden hauptsächlich in Immunzellen von Wirbeltieren produziert dienen der Apoptose körpereigener Zellen. Defensine sind ebenfalls Peptide. Sie kommen als antimikrobielle Peptide in allen tierischen Organismen vor und dienen der Abwehr von mikrobiellen Erregern, vor allem Bakterien, sowie Pilzen und Toxinen. Diese Peptide könnten die Virusreplikationsraten senken. Gleichzeitig könnte die Anzahl von entzündungsfördernden Zytokinen gesenkt werden. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine geringe Konzentration an Zytokinen im Körper zu weniger Folgeerkrankungen führt – beispielsweise Lungenentzündung.

Und hier werden drei Publikationen zitiert, von denen allerdings die zweite und interessanteste leider schon wieder von den Autoren zurückgezogen wurde (angeblich wegen idosynkratischer Vitamin D-Level in diversen Ländern). Und die dritte hatte ich oben schon zitert.

Es gibt also ausreichend Grund einen Zusammenhang von Vitamin-D-Level und dem Verlauf der Covid-19 Erkrankungen zu untersuchen. Der D-Level ist vor allem bei alten Menschen sehr niedrig, und dort bei denen mit Vorerkrankungen (geriatrisch/mulitmorbide) nochmals niedriger, sagt das BfR, genau das ist aber die Bevölkerungsgruppe mit einer enorm hohen Letalität bei Covid-19. Das klingt nicht nach Zufall.

Und: Mutter Natur ist nicht dafür bekannt, energiehungrige Prozesse im Körper „just for fun“ zu unterhalten. Beispiel: der Muskelabbau bei Nichtbenutzung - jeder, der mal eine gerissene Achillessehne beklagen musste, weiß, daß die Wade binnen weniger Wochen „Lockdown“ zu einem dünnen Würstchen degeneriert. Energiesparen ist das eiserne Gebot des Körpers, statt Energie zu vergeuden wird sie lieber in Fettpölsterchen gebunkert, so möglich – für schlechte Zeiten. Und da Muskeln auch in Ruhe Energie verbrauchen, werden sie bei Nichtbenutzung ganz schnell abgebaut.

Warum also sollten Naturvölker und Schimpansen energieaufwendig 45-50 ng/ml Vitamin D synthetisieren, wenn es nicht evolutionär von Vorteil wäre? Und der Vorteil wäre eine gute Immunabwehr – die man im Busch bei tausend Verletzungsmöglichkeiten und hoher Anzahl infektiöser Keime sicher eher braucht als in unserer desinfiziert-blankgeputzen Hochsicherheits-Welt mit geringstem Verletzungrisiko? Denn, wie Einzelfälle zeigen, auch ein kleiner Hautriss, von einem Holzsplitter hervorgerufen, kann (bei uns) zu einer Sepsis führen. Das könnte man sich in freier Wildbahn und ohne Intensiv-Medizin für Notfälle eher nicht leisten.

Warum wir in Europa nur weniger als 20 ng/ml haben? Weil selbst unsere weisse Haut hier nicht in der Lage ist, mehr bereitzustellen, so wenig, wie wir draussen sind. Bis vor 5.000 Jahren waren wir auch noch dunkelhäutig, das war offenbar evolutionär nicht so erfolgreich wie Hellhäutigkeit und Vitamin D is hierfür die einleuchtendste Erklärung. Israelische Strandwachen haben übrigens häufig einen D-Level von 60 ng/ml, man müsste also nur viel draussen sein und am Mittelmeer wohnen...

Allerdings haben die Strandwachen auch viel mehr Nierensteine schon in jungen Jahren. Deshalb hier eine kurze Info, die nichts mit Corona zu tun hat aber unbedingt wichtig ist: Um Level von dieser Höhe durch Supplementation zu erreichen, müsste der Durchschnittserwachsene nicht die von der DGE/den Ärzten üblicherweise verschriebenen 800 I.E. (20 mcg) D3 zu sich nehmen, sondern 4.000-5.000 I.E. pro Tag. Davon ist aber ohne zusätzliches Vitamin K2 grundsätzlich abzuraten.

K2 ist nur zu sehr kleinen Mengen in der Nahrung vorhanden; in fermentierter Nahrung z.B. im Sauerkraut oder im Kwas wäre genug, aber wer isst heute noch Sauerkraut oder trinkt vergorene Brotsuppe? Grundsätzlich kann K2 auch vom Körper aus K1 sythetisiert werden, aber für Mengen, die man mit einem D-Level von 45-50 ng/ml benötigt, müssten wir sehr viel mehr Grünzeug essen, als wir das tun (die Schimpansen tun es natürlich). Und daß in unserem heutigen, überdüngten Turbogemüse weit weniger „Vitalstoffe“ enthalten sind, wurde schon oft bemängelt, zuletzt von Starkoch Nelson Müller im TV bezeugt bezüglich Vitamin C in Südtiroler Äpfeln, da war der Gehalt: Nullkommanull.

Ein Ungleichgewicht zwischen D und K2 aber führt unweigerlich zu einer Hypercalcämie. Die bekommen wir mit unseren kleinen D-Leveln eher nicht, wohl aber die israelischen Strandwachen, wenn sie sich von Falafel und Hotdogs ernähren.

K2 sorgt für die richtige Verteilung des Calciums. Ohne K2 löst ein hoher D-Level zusätzlich Calicum aus den Knochen und verschärft eine Osteoporose, trotz zusätzlicher Calciumgabe. Das haben leider viele Studien bewiesen, die auch andere Folgen der Hypercalcämie dokumentieren mussten: Neben Nierensteinen auch verstärkte Calicumplaque und folgend Herzinfarkte und Hirnschläge, bei sehr starker Hypercalcämie auch Nierenschäden bis zum Ausfall. Daher: Vitamin D niemals ohne korrespronierendes Vitamin K2 (nicht 'K' oder K1, nicht mk4, sondern mk7, nicht cis sondern am besten alltrans). Dosen von 40 mcg K2 mk7 alltrans auf je 1000 I.E. werden referiert und teilweise entsprechend gemixt mit D-Präparaten angeboten (Vorsicht alle Herz & Trombose-Patienten bei Einnahme von „Blutverdünnern“ der Klasse Vitamin-K-Antagonisten wie Marcumar oder Coumadin, hier nachlesen: https://t1p.de/3vdh).

Man muss es ganz deutlich sagen: alle negativen Studien zu Vitamin D (zuletzt eine aus dem Jahr 2013-2017) waren ohne begleitendes K2 und das, obwohl der Wirkmechanismus von K2 seit 1985 bekannt ist. Vitamin D in hohen Dosen ohne K2 müsste man als Kunstfehler und fahrlässige Körperverletzung bezeichnen. Wobei als „hoch“ alles über 800 I.E./d zu gelten hat, man andererseits mit solchen Dosen niemals auf den Massai/Hadza-Level kommt.

Last-not-least: Alles mögliche wird gemessen bei Patienten auf Intensiv-Stationen, nur der D-Level nicht. Kostet im Labor ganze 17 Euro. Keine Messung, keine Werte, ergo auch kein möglicher Zusammenhang, der dem Personal auffallen könnte.

Bei der Hausärztin für Kassenpatienten kostet es 30 Euro, die idR nicht von der Kasse übernommen werden. Deshalb wird auch dort nur selten gemessen, was dazu führt, daß auch dort der Zusammenhang zwischen D-Wert und Gesundheitsstatus gar nicht auffallen kann – die Datenlage ist für einen erstmal ja zu „erfühlenden“ Zusammenhang viel zu dünn, deshalb dürfen wir auch von den Praktikerinnen nichts erwarten. Und von unseren führenden Experten wohl auch nicht, wie ein Interview im NDR vom 3. April 20 zeigt:

Anja Martini: Können wir noch mehr tun, können wir zum Beispiel irgendwas tun für unser Immunsystem und das aufbauen, vielleicht Vitamin C, Vitamin D [...]

Drosten: [...] Also irgendwelche Dinge zu nehmen, irgendwelche Vitamine, da mag es hier und da schon wissenschaftliche Evidenz für geben, aber das ist nicht mein Forschungsgebiet, damit kenn ich mich überhaupt nicht aus, und ich habe auch noch nie gehört, daß es da irgendwo einen durchschlagenden Effekt gäbe, so dass man jetzt sagen würde, im Rahmen einer so laufenden Infektionsepidemie muß man das speziell so empfehlen.

Der Autor hat einem schwer betroffenen Landkreis 5.000 Euro für Ex-post Vitamin-D-Tests, durchzuführen bei 120 Covid-19-Genesenen mit unterschiedlichen Krankheitsverläufen angeboten - leider ohne Erfolg. Aber irgendwann wird es solche Tests und daraus resultierende Statistiken geben. Das Ergebnis ist ziemlich vorhersehbar. Und irgendwann wird dann auch der SPIEGEL seinen Vitamin-Artikel berichtigen müssen, spätestens, wenn die Regierung Vitamin D für alle Pflegeheime und das medizinische Personal verordnet.

Covid-19 wird niemals nur eine einfache Influenza sein und Vitamin D wird Covid-19 niemals „heilen“ können. Aber es könnte dem Körper helfen, die Infektion wesentlich besser abzuwettern, als das bei den zu niedrigen D-Leveln bislang der Fall ist. Und damit die Pandemie besser beherrschbar machen. Was das bedeutet, kann sich jeder ausmalen.

Last-not-least: Es sind absolut keine schädlichen Nebenwirkungen eines D-Levels von 50 ng/ml (bei entsprechender K2 Versorgung) bekannt, die Toxizität beginnt allen Referenzen nach erst bei ca. 140-150 ng/ml, eine Supplementation von 5.000 I.E/d D3 bei 70 kg Körpergewicht und entsprechender Zufuhr von 200 mcg K2 gilt als vollkommen sicher.

Heidelberg, 16.4.2019, Lorenz Borsche